Zeitschrift LISA

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Ausgabe 18/2013
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"Mein Mann ist ein verurteilter Mörder – aber ich glaube an seine Unschuld"

Seit 2011 sitzt ihr Mann wegen Mordes im Gefängnis. "Ein Justizirrtum", sagt Anja (36), die für seine Freilassung kämpft.

"Mein Mann ist doch kein eiskalter Mörder!"
Allein der Gedanke ist für Anja Darsow (36) unvorstellbar. "Zu so einer Tat wäre Andreas einfach nicht fähig." Bis zum Frühling 2010 waren Anja, ihr Mann Andreas (46) und die drei Kinder (4, 11, und 14 Jahre) eine ganz normale, glückliche Familie – und dann wartete plötzlich die Polizei vor ihrem Haus auf sie. "Mein Mann wurde aus dem Auto geholt, Handschellen klickten und sie nahmen ihn mit." Wenn Anja sich an diese Szene erinnert, klingt sie noch immer fassungslos. "Ich dachte wirklich, ich bin im falschen Film!"

Seitdem ist Anjas Leben ein einziger Albtraum. "Und daraus gibt es einfach kein Erwachen." Die 36-Jährige ringt um Fassung. Seit zwei Jahren steht sie nun ganz allein da, ihr Mann sitzt als Mörder im Gefängnis. Die junge Frau wirkt blass und ausgezehrt, die Verzweiflung ist ihr anzusehen. Aber sie muss stark sein – für ihren Mann, die Kinder und für ihren Kampf. "Andreas hat von Anfang an seine Unschuld beteuert und ich glaube ihm. Darum will ich unbedingt erreichen, dass der Prozess neu aufgerollt wird", sagt Anja fest. Ein Ziel, das sie mit all ihrer Kraft verfolgt (siehe Info-Kasten).

Das Verbrechen: An einem Freitag im April 2009 wurden die Nachbarn der Familie Darsow erschossen. Erst Klaus T. († 62), dann seine Frau Petra († 58). Astrid (37), die autistische Tochter des Ehepaares, überlebte die Schüsse schwer verletzt, irrte einen Tag lang durchs Haus, bis sie schließlich im Vorgarten zusammenbrach und von Nachbarn entdeckt wurde.

Ein Jahr tappte die Polizei im Dunkeln. Erst war von Rockern die Rede, von Schulden und dass Klaus T. sich bedroht gefühlt habe. Dann stießen die Beamten auf ihre entscheidende Spur: In der Firma, in der Andreas Darsow als Industriekaufmann arbeitete, war die Anleitung zum Bau eines Schalldämpfers aus dem Internet heruntergeladen worden!

Andreas wurde angeklagt. Im Prozess stellte sich dann heraus, dass viele Mitarbeiter Zugriff auf den PC hatten. "Aber das ignorierte der Richter genauso wie den Fakt, dass der Systemadministrator der Firma ein Waffennarr ist."
Das zweite Hauptindiz waren die Schmauchspuren auf einer Bundeswehrhose von Andreas – aber die konnten der Tatwaffe nicht zweifelsfrei zugeordnet werden, hätten auch alt sein können.
Das Motiv für den Mord: Lärmbelästigung. "Das muss man sich mal vorstellen: Weil die Nachbarn zu laut gewesen sein sollen, hat Andreas angeblich gewartet, bis ich mit den Kindern an die Ostsee fuhr, bastelte sich dann eine Pistole mit Schalldämpfer und erschoss unsere Nachbarn. Wer glaubt denn so etwas?"
Der Richter glaubte es. Sein Urteil: lebenslänglich. "Als er das Urteil verkündete, drang das gar nicht zu mir durch. Erst später begriff ich: Mein Mann würde die nächsten zwanzig Jahre im Gefängnis verbringen." Anja wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln. "Eine unvorstellbar lange Zeit."
Kraft gibt ihr der Zuspruch von Familie, Freunden und Nachbarn. "Im Grunde steht der ganze Ort zu uns", meint Anja dankbar.

Trotzdem ist jeder Tag eine Herausforderung. Anja arbeitet jetzt als Empfangschefin in einem Hotel und versucht, mit ihren Kindern einen möglichst normalen Alltag zu leben. "Aber wie normal ist es, dass eine Frau ihren Mann nur alle zwei Wochen für eine Stunde besuchen darf?" Und begleiten dürfen sie dabei immer nur zwei der drei Kinder. "Das ist verdammt hart für die Kids, die ihren Vater natürlich sehr vermissen", sagt Anja leise. "Die Gespräche, die Spiele, das Lachen, aber natürlich auch das Trösten, wenn sie Kummer haben – wie soll all das durch einen Besuch ersetzt werden, bei dem sie ihren Papa nur durch eine Plexiglasscheibe sehen dürfen?"
Bei jedem Besuch spürt Anja: Sie darf einfach nicht aufgeben – und sie wird es auch nicht. Anja lächelt unter Tränen. "Dazu liebe ich meinen Mann doch auch viel zu sehr."

Infos & Fakten

"Beim Kampf für die Freilassung von Andreas bin ich nicht allein!"
Wiederaufnahme: Für Anja Darsow ist das Urteil "aus der Luft gegriffen". Ihr Mann Andreas sei, wie er auch vor Gericht immer wieder beteuert habe, nicht der Täter. Aber weil kein Verfahrensfehler vorlag, war eine Revision des Urteils nicht möglich. Die einzige Chance, die für Andreas jetzt noch besteht, ist eine Wiederaufnahne seines Falls vor Gericht. Dazu muss Anja aber neue Beweise finden. Auf der Website www.doppelmord-babenhausen.de kann sich jeder über den Fall informieren bzw. neue Erkenntnisse beisteuern. "Auch der kleinste Hinweis kann für uns von ganz großem Wert sein", so Anja.

Unterstützung erhält sie von dem eigens für Andreas gegründeten Verein „Monte Christo“ (www.montechristo-ev.de). Benannt ist er nach der Romanfigur Monte Christo, dem unschuldig zu Kerkerhaft verurteilten Grafen. Der Vereinsvorsitzende Josef Seidl kannte vor dem Prozess weder den Angeklagten noch seine Frau. Seidl saß im Zuschauersaal – und konnte es nicht fassen, dass Darsow aufgrund der dünnen Indizienlage verurteilt wurde. Bis heute hält er die Beweisführung für eine "erlogene Geschichte". Ermittler hätten Druck bekommen, einen Täter zu präsentieren. Ziel des Vereins: durch Öffentlichkeitsarbeit auf Fehlurteile wie dieses hinzuweisen.

 
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